Trierwallfahrt 2002

Es ist Mittwoch,  der 8. Mai 2002. Bei herrlichem Frühlingswetter machen sich gegen 10.30 Uhr gut zwei Dutzend Frauen und Männer vom Pfarrzentrum aus auf den alten Matthias-Pilgerweg nach Trier. Am Nachmittag werden noch einmal so viele in Enzen dazu stoßen. Eine in verschiedener Hinsicht bunte Mischung im Alter zwischen fünfundzwanzig und siebzig Jahren. Ein einfaches mannshohes Holzkreuz wird mitgeführt. Fast alle sind zum wiederholten Male dabei. Mehrere haben seit der Neubelebung der alten Wallfahrtstradition im Jahr 1987 keine Teilnahme ausgelassen.

Am Rotbach in Ahrem spielen zwei Jungen, etwa 12 Jahre alt. Sie blicken verwundert auf, als die locker gefügte Gruppe, manche schweigend, andere im Gespräch miteinander, vorbeizieht. Sie mustern die einzelnen genau. Sehr verschiedene Lebensformen scheinen da mit zu gehen, Baseball-Mützen-Träger, Wandervogel-Typen, Out-door-Gestylte. Der Blick der Kinder  richtet sich auf das geschmückte Kreuz. Dann wendet er sich wieder den Vorübergehenden zu. Einige der Pilger grüßen. Am Ende bricht es aus ihnen heraus: "Warum macht Ihr das?".

Gerd und Heinz, die mit etwas Abstand als letzte gehen, werden von dieser Frage im selbstverständlichen Glück des friedlichen Morgens und seiner frohen Erwartung aufgestört. Ja, warum machen wir das? Was treibt uns eigentlich? Die beiden waren jedenfalls noch ganz unruhig, als sie den andern bei der Mittagsrast von ihrer Verlegenheit berichteten, den Heranwachsenden eine befriedigende Antwort zu geben. So als spürten sie selbst das ungläubige Staunen der Jungen darüber, wie man heute überhaupt noch so durch die Gegend ziehen kann. Die etwas  hastig gegebene Antwort „Zu unserem Spaß!“ und - weil das ja nicht alles sein konnte - "Zur Ehre Gottes!" befriedigte die beiden dann aber selbst nicht. Ihre Unruhe wurde zu einer Frage an alle. Warum gehe ich da mit? Was machen heutige Menschen überhaupt, wenn sie sich für mehrere Tage auf einen alten Pilgerweg zu einem "Apostelgrab" begeben? Ist das nicht - ernstgenommen - ein Rückfall in überholte mittelalterliche Rituale?

Der große spanische Maler F. Goya  hat in der Serie seiner berühmten vierzehn Schwarzen Bilder, wie sie im Prado zu sehen sind, Besessenheiten gemalt und darin gezeigt, mit welchen  Unruhen und Verkehrungen wir in unserem Alltag rechnen müssen. Zu den Bildern gehört auch die "Isidoro-Wallfahrt" (140x438 cm): Wie ein "Tatzelwurm" zieht sich ein Gebilde von Menschenleibern, Gesichtern, Gewändern, Hüten, Gliedern durch den Raum. Vorn ballt es sich zusammen, als platze die Hülle des Tieres, das sich da voranbewegt, als überrolle es uns mit seinem "Inneren", wie bei einer Demonstration, die erschreckte Passanten und Schutzleute wegschiebt. Die Macht und Gewalt einer finster entschlossenen Gesinnung lähmt den, der sich entgegenstellen könnte. Wer sich die Gesichter näher ansieht, dem werden sie unmenschlich in ihrer Verbissenheit.

Der Gedanke, als Pilger mit solchen Bildern verglichen zu werden, erschreckt. Zumal dann, wenn man weiß, was Goya in dieser Reihe noch gemalt hat: Judith, die Holofernes den Kopf abschlägt, Saturn, der seine Kinder verschlingt, weitere Bilder bis hin zur Besessenheit des Hexensabbats mit seiner Bocks-Anbetung.

Jeder, der den Lechenicher Pilgerweg nach Trier mitgegangen ist oder ihn auch nur ein wenig aufmerksam beobachtet hat, weiß, dass diese Art unaufgeklärter Seelenverfassung dort keinen Platz hat. Im Gegenteil. Was bei diesem Pilgerweg eine besondere Chance bekommt, ist gerade die kultivierende Brechung von Besessenheiten: Katholiken gehen mit Protestanten, ein evangelischer Pfarrer mit einem katholischen. Unterscheidungen werden deswegen nicht verleugnet. Frauen kommen mit Männern ins Gespräch, die sie vorher oft nur als "Anhängsel" anderer wahrgenommen haben, und umgekehrt. Ebenso Junge und Alte. Oder Freunde aus anderen Gemeinden, aus der Nähe wie aus der Ferne; bis nach Sachsen spannt sich das mittlerweile. Und immer werden daraus persönliche Begegnungen. Gesichter bekommen Namen und stehen für Schicksale, die sich mitteilen und von sich erzählen wollen. Auf einem als sicher verspürten Grund gegenseitigen Vertrauens öffnen sich nicht nur die wirklichen Lebensnöte füreinander, sondern auch Glück und Zufriedenheit mit dem Eigenen. Bereichernde Vielfalt wird erfahrbar. Alles andere als eine dumpf wabernde  Massenseele!

Die vom Rapsgelb überzogene und aus saftigen Weiden leuchtende Eifel wird dabei zur Seelenlandschaft. Das eigene Erleben wiederum zu einer Art Urheber all der Dinge, die einem ins Auge fallen. Es gibt eigentlich kein "Inneres" und "Äußeres". Immer ist das eine im anderen. Ob am frühen Morgen, wenn die Gruppe schweigend nach der komfortablen Übernachtung in Kommern durch den Wald bergaufwärts strebt, den Tau auf der Wiese wahrnimmt, sich über Vogelstimmen freut, den Himmelfahrtstag vor sich. Oder dann am Mittag, wenn unterwegs die Feiertagsmesse zelebriert wird,  am Waldrand, im Kreis versammelt um einen Tisch, darauf  (Franken-)Wein und (Lechenicher) Brot. Es braucht keine zusätzlichen Worte darüber, was das soll, warum und wie. Dazu dann alte Texte von ewig neuer Gültigkeit, gesungen oder gesprochen. Auch bei den Meditationen, zu denen immer wieder gefunden wird, ist das gegenwärtig. Mehrere Male jeden Tag.

Die Wandlung, zu der uns das Leben immer wieder auffordert, wird so am eigenen Leib erfahren. Vielleicht darf man etwas zuspitzen und sagen: Bei solchem Pilgern bekommt der Geist Beine. Und das sonst oft so Abstrakte wird wirklich auf die Füße gestellt. Umgekehrt erhalten die Beine ihre (sinnliche) Seele zurück. Es entwickelt sich über die Tage daraus tatsächlich so etwas wie ein besonderer (Pilger-)Leib: Einer der Augen hat und Ohren, einer der riecht und schmeckt und der in der Nachwirkung des Tages am Abend sein Werk im Essen und Trinken auch feiert. Aber auch einer, der sich auseinandersetzen und sich notfalls wehren kann. Wahrlich kein besessener Wurm wie bei Goya, der alles gleich macht, weil er nur eines dulden will.

Zu spüren ist das nicht zuletzt in den schon angesprochenen Meditationen, die wie Stationen den Pilgerweg auch in diesem Jahr wieder begleitet haben. Vielleicht wird das Auf-die-Füße-Stellen, theologisch gesprochen die Menschwerdung, gerade im Thema dieses Jahres besonders deutlich: "Woran und wie glaubte Jesus?" Ein gleichnamiger Drewermann-Text liefert die Grundlage, W. Hösen als geistlicher Moderator dosiert die darin formulierten Herausforderungen. Und Bilder  (von Max Ernst u.a.) öffnen zusätzlich die Gedanken für eigene, freie Einfälle.

Der Glaube Jesu wird dabei erst einmal verstehbar als eine im konkreten jüdischen Leben damals verwurzelte und auf die Fragen seiner Geschichte bezogene persönliche Antwort des Nazareners; uns überliefert nicht in historisch zu verstehenden Berichten, sondern in theologisch gemeinten Erzähl-Bildern wie der Taufe im Jordan, der Verklärung auf dem Berg Tabor, der Himmelfahrt. Die religiöse Wirklichkeit und den Mythos dieser Bilder zu verstehen und für das eigene Leben real werden zu lassen, führt jeden von uns an eine Grenze. Viel Kinderglaube wird dabei notwendigerweise erschüttert. Beim Pilgern allerdings weiß man deutlicher als sonst vielleicht, was Grenzen sind. Die 38 km am dritten Tag beispielsweise sind wirklich genug. Jeder darf da aber eingreifen - auch das ist eine der befreienden Erfahrungen des Weges nach Trier. Wer nicht mehr gut gehen kann oder wer nur einfach einmal  eine Pause braucht, fährt im "Bagagewagen" mit.

Zurück zu den Ahremer Kindern!  Die Frage, warum man etwas macht, für Außenstehende wirklich zu beantworten, ist immer schwer. Oft gerät man dabei in unbefriedigende Rechtfertigungen. Günstiger ist, man beschreibt, was man erlebt und gesehen hat, auch wenn es fragmentarisch bleibt. Zum zweiten mal mitgegangen erscheint mir das Pilgern nach Trier wie eine Kur. Im Anschluss an die Kennzeichnung von Sigmund Freuds psychotherapeutischer Methode als "talking cure" könnte man unser Pilgerwerk eine "walking cure" nennen. Es ist aber mehr als das. Es ist darüber hinaus auch ein geistiges Ereignis mit all den nicht planbaren und gerade darin psychohygienisch wertvollen Wirklichkeitserfahrungen und Herausforderungen von "Happenings", wie sie aus der neueren Kunstgeschichte bekannt sind. Letztlich muss man sich wohl aber anstecken lassen und selber mitgehen, um zu erfahren, was in diesem Pilgern wirksam ist. Warum man das macht, kann dann jeder für sich beantworten. Deshalb: Nächstes Jahr nicht in Jerusalem. Nächstes Jahr auf dem Pilgerweg nach Trier!

N.E.