Ein Brief nach der Trierwallfahrt 1999

Lieber Heiner,

ich weiß jetzt, daß meine Beine ziemlich viele Muskeln haben und diese ziemlich viel Muskelkater entwickeln können. Du fragst Dich, wieso diese Weisheit mir heute wieder in den Sinn kommt? Nun, ich bin fünf Tage nach Trier gewallfahrtet. Ja, Du liest richtig. Die Erzählungen von Brigitte und anderen Wallfahrern(und natürlich auch Wallfahrerinnen), die mit leuchtenden Augen berichtet haben, ließen mich nicht in Ruhe. Ich wollte diese besondere Form des "katholisch Sein" selbst erfahren. Und ich habe es nicht bereut. Das leichte Zerren in der rechten Achillessehne in den letzten Tagen erinnert mich immer wieder an fünf Tage Urlaub für Leib und Seele.

Wallfahren heißt zunächst einmal, sich zügig durch wunderbare Eifellandschaft zu begeben. Der Löwenzahn blüht, auch der Ginster zeigt die gelbe Farbe und der Höhepunkt ist das blühende Knabenkraut vor Ripsdorf. Die Buchen zeigen noch zartes Grün, die Fichten haben gerade erst ihre neuen Spitzen getrieben. Es macht Freude, abseits der großen Straßen zu laufen. Der Himmel ist bayrisch, blau mit weißen Wolken, der Wind läßt die Eisheiligen erahnen, er kühlt manchmal sehr die schwitzenden Menschen. Für das Schwitzen sorgt der "technische Direktor" Berthold, der die Etappen und die benötigten Zeiten genauestens im Griff hat. Jahre lange Wallfahrererfahrung. Ich muß mich um nichts kümmern. Marianne verwaltet die Unterkünfte. Ich darf in der Kolonne mitlaufen, kann mich treiben lassen, mich unterhalten, nachdenken, Rosenkranz beten, singen, über neue Gedichte mit Ulrich reden, das Kreuz tragen, alte Gedichte wieder auskramen und aufsagen, Neues vom gottlosen Pfarrer erfahren.

Heiner, ich kann die Seele baumeln lassen.

Die Kilometer vergehen irgendwie, meine Füße sind in den Turnschuhen gut aufgehoben, die Gruppe trägt mich, wir kommen gut voran. Zwischendurch nehmen wir uns Zeit für Gottesdienst und Meditation, gemeinsames Nachdenken über die Bitten im "Vater unser", Gedankenaustausch mit dem Nachbarn, den der "heilige Mann" Wilhelm interessant und anregend vorbereitet hat.

Die "Alt-Waller" nehmen die "Neu-Waller" mit Freundlichkeit und Zugewandheit auf. Oft werde ich angesprochen, wie es mir geht. Das Mitfühlen tut mir gut. Paul verwöhnt mich Zitronenbonbons, Renate mit Freundlichkeit, Christa mit köstlichem französischem Käse, Gerd durch Nachfragen und Ernst mit Papiertaschentüchern für "hinterlistige Zwecke". Jeder gibt gerne was er hat. Es entwickelt sich eine gute Gemeinschaft.

Ich weiß jetzt auch, daß "mer en herrlich Relijion han", denn zum Wallfahren gehören auch abendliches Singen, vor "Madagaskar Liegen", köstliches Pils trinken und die gesammelten Maikräuter von Stefanie in Maibowle verwandeln zu lassen.

Eben Urlaub für Leib und Seele.

Natürlich haben wir Trier erreicht. Es hat mich sehr beeindruckt unter dem Beifall der anwesenden anderen Wallfahrer in die Matthias - Kirche einzuziehen. Meine Kehle war ganz schön zugezogen: "Großer Gott wir loben dich".

An meinem Schreibtisch hängt jetzt eine kleine Medaille. Das Foto von der Wallfahrertaufe werde ich Dir bei Deinem nächsten Besuch zeigen.

Im neuen Lehrerkalender habe ich die Tage um Christi Himmelfahrt schon blockiert, denn nächstes Jahr will ich wieder singen: "Mir jon op Wallfahrt, da freut sich de Här, bädde, singe, fiere ..."

Ich grüße Dich herzlich

Benno Hartmann